Geoengineering – wie ein Klimaversuch in Kalifornien scheiterte
Ein Experiment mit großer Vision
Im Frühjahr 2024 starteten Forschende der University of Washington ein Feldexperiment zur sogenannten Marine Cloud Brightening (MCB) – einer Form von Solar Radiation Modification. Die Grundidee: winzige Partikel aus Meerwasser werden in die Luft gesprüht, um Wolken aufzuhellen und so einen Teil der Sonneneinstrahlung ins All zurückzuwerfen. Theoretisch könnte dieses Verfahren helfen, die Erderwärmung kurzfristig zu dämpfen.
Das Projekt war Teil des UW Marine Cloud Brightening Program und wurde gemeinsam mit SRI International durchgeführt. Zum Einsatz kam ein spezielles Aerosol-Sprühgerät, das auf dem stillgelegten Flugzeugträger USS Hornet installiert wurde, der in Alameda liegt.
Ziel des Versuchs war nicht, das Klima zu beeinflussen, sondern grundlegende physikalische Prozesse zu untersuchen: Wie groß sind die erzeugten Partikel? Wie verteilen sie sich? Und wie gut lassen sich solche Effekte mit Klimamodellen vorhersagen?
Stopp wegen fehlende Transparenz
Doch der Test endete abrupt. Die Stadt Alameda war im Vorfeld nicht informiert worden und erfuhr erst über Medienberichte von dem Experiment. Nach kurzer Zeit untersagten die Behörden den weiteren Betrieb der Sprühanlage. Wenige Wochen später beschloss der Stadtrat einstimmig, das Projekt am Standort dauerhaft zu verbieten.
Als Gründe nannte die Stadt unter anderem fehlende Genehmigungen, mangelnde Transparenz und die Sorge vor möglichen Umwelt- und Gesundheitsfolgen. Der Fall machte deutlich: Selbst kleine wissenschaftliche Feldtests im Bereich Geoengineering stoßen schnell an gesellschaftliche Grenzen, wenn Öffentlichkeit und lokale Politik nicht eingebunden sind.
Was ist Solar Radiation Modification überhaupt?
Solar Radiation Modification (SRM) bezeichnet eine Gruppe technischer Ansätze, mit denen die Erde künstlich gekühlt werden soll, indem Sonnenlicht reflektiert wird. Neben Marine Cloud Brightening gehören dazu auch Methoden wie das Einbringen von Aerosolen in die Stratosphäre oder das gezielte Verändern bestimmter Wolkentypen.
Allen Verfahren ist gemeinsam: Sie bekämpfen nicht die Ursache des Klimawandels – den Ausstoß von Treibhausgasen –, sondern greifen direkt in den Strahlungshaushalt des Planeten ein.
Zwischen Hoffnung und Hochrisiko-Technologie
Befürworter argumentieren, SRM könnte im Ernstfall als kurzfristige Notbremse dienen, falls gefährliche Kipppunkte im Klimasystem näher rücken. Die Effekte wären potenziell schnell wirksam und teilweise reversibel.
Kritiker:innen warnen hingegen vor massiven Risiken:
mögliche Verschiebungen von Niederschlagsmustern und Monsunen
schwer abschätzbare Folgen für Ökosysteme, besonders in den Ozeanen
geopolitische Konflikte, falls einzelne Staaten oder Akteure eigenmächtig eingreifen
ein sogenannter Moral Hazard: Die Aussicht auf technische Lösungen könnte den Druck mindern, Emissionen wirklich zu senken
Hinzu kommt ein zentrales Problem: Es existiert bislang kein internationaler Rechtsrahmen, der Forschung oder mögliche Anwendungen solcher Technologien verbindlich regelt.
Kurze wissenschaftliche Einordnung
Solar Radiation Modification umfasst technische Ansätze wie Marine Cloud Brightening, bei denen Sonnenlicht gezielt reflektiert werden soll, um die globale Erwärmung kurzfristig zu bremsen. Das von Forschenden der University of Washington getestete Verfahren gehört zu dieser Kategorie.
Der aktuelle Forschungsstand ist jedoch sehr früh: Die meisten Erkenntnisse stammen aus Modellen, belastbare Langzeit-Feldstudien fehlen. Zwar zeigen Simulationen, dass SRM Temperaturen senken könnte, gleichzeitig weisen sie auf erhebliche Risiken hin – darunter veränderte Niederschlagsmuster, mögliche Schäden an Ökosystemen und politische Konflikte.
Viele Wissenschaftler:innen warnen zudem vor einem „Moral Hazard“: Technische Notlösungen könnten den Druck mindern, Treibhausgasemissionen konsequent zu reduzieren. Der Stopp des Experiments in Alameda zeigt exemplarisch, wie sensibel diese Forschung gesellschaftlich ist und wie wichtig Transparenz und demokratische Beteiligung bleiben.
Der derzeitige wissenschaftliche Konsens lautet: SRM ist keine Lösung für den Klimawandel. Falls überhaupt, kann es nur als hypothetische letzte Notmaßnahme diskutiert werden. Priorität haben weiterhin Emissionsreduktion, der Ausbau erneuerbarer Energien, der Schutz natürlicher Kohlenstoffsenken und Klimagerechtigkeit.









